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Angehörigen- bzw. Gremiumsarbeit in der Wohngemeinschaft für Intensivpflegebedürftige Menschen

beatmet Leben

Die meisten intensivpflegebedürftigen Menschen haben eine lange von Bangen und Hoffen begleitete Odyssee an Klinikaufenthalten, Behandlungen, Operationen hinter sich bevor sie in eine Wohngemeinschaft einziehen. Oft sind es Menschen die Mitten im Leben standen und durch eine akute lebensbedrohliche Erkrankung von jetzt auf gleich zu einem Schwersterkrankten wurden. Entsprechend belastet und traumatisiert sind auch die Angehörigen. Sie mussten viele Entscheidungen treffen, fühlten sich häufig in den Kliniken schlecht versorgt und nur wenig informiert.

Wird der Betroffene dann von ärztlicher Seite als stabil eingestuft stellt sich die Frage nach der weiteren Versorgung und des schnellstmöglichen Entlasstermines…

Auch hier sind die Betroffenen/Angehörigen/Betreuer seitens der Kliniken/ Reha-Einrichtungen und Sozialdienste häufig schlecht beraten oder informiert. Meist bekommen die Angehörigen ein paar Flyer von Intensivpflegediensten oder Wohngemeinschaften und müssen sich selbst auf die Suche nach einem „Pflegeplatz“ machen. Und das in relativ kurzer Zeit.

Es fällt auf dass es Betroffenen/Angehörigen/ Betreuern schwerfällt vom „Heim“ Denken abzukommen, sich vom bisherigen Prinzip des Leistungsempfängers zu lösen und zum Prinzip des Auftraggebers überzugehen.

Es braucht einige Gespräche und viele Informationen damit Interessierte auch „wirklich“ verstehen was dem Konzept der ambulant betreuten Wohngemeinschaften zugrunde liegt.

Denn nur wenn Angehörige/ Betreuer sich aktiv innerhalb der Wohngemeinschaft engagieren wollen werden sie mit dieser Wohnform glücklich werden. Es macht Sinn die Mitarbeit im Gremium verbindlich im Mietvertrag zu verankern. 

Zentrales Kennzeichen einer jeden ambulant betreuten Wohngemeinschaft ist ohne Zweifel das Gremium der Selbstbestimmung. Dies sollte mit Einzug des dritten Bewohners gegründet werden.

Wer oder was ist das Gremium?

Das Gremium ist die organisiert strukturierte Form der Selbstbestimmtheit der Bewohner einer Wohngemeinschaft, mit der Zielsetzung alle die Wohngemeinschaft betreffenden Entscheidungen treffen zu können.

In dem konstituierten Gremium der Selbstbestimmung ist jede Mieterin und jeder Mieter stimmberechtigt vertreten. Gerade bei Menschen mit Intensivpflegebedarf ist „ das selbstständig entscheiden können“ allerdings oft eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich. In diesem Fall nehmen stellvertretend die gesetzlichen Betreuerinnen und Betreuer (meist sind dies Angehörige) die Selbstvertretung der Mitglieder wahr. Sie sorgen für die uneingeschränkte Berücksichtigung der Bedürfnisse und Interessen der Mitglieder der ambulant betreuten Wohngemeinschaft und tragen auf diese Weise bei, das Prinzip der Selbstbestimmung zu realisieren bzw. aufrechtzuerhalten.

Aufgabenbereiche des Gremiums sind:

  • Auswahl neuer WG Mitglieder
  • Wahl der Dienstleister (Pflege, Betreuung, etc.)
  • Regelung des Zusammenlebens
  • Alltagsgestaltung (die Gemeinschaft betreffend)
  • Wohnraum (z. B. die Gestaltung und deren Nutzung)
  • Vertretung der Wohngemeinschaft nach außen (z. B. Behörden)

Innerhalb der Gremiumsmitglieder müssen selbstständig festgelegte, eindeutige Vereinbarungen im Hinblick auf Struktur und Aufgabenstellung wie z. B. in einer Satzung schriftlich festgelegt werden. Es sollten Aussagen zu folgenden Punkten getroffen werden:

  • Häufigkeit verbindlicher Treffen (6-8 Wochen)
  • die verpflichtende regelmäßige Teilnahme
  • Klärung des Stimmrechts (jedes Mitglied hat eine Stimme)
  • die Aufgabenbereiche , für die Entscheidungen getroffen werden müssen (z. B. Hausordnung, Auswahl neuer WG Mitglieder etc.)
  • die Aufgabenverteilung ( wer kümmert sich wann um den Garten, wer kauft was ein etc.)
  • die Verfahren wie bei Entscheidungen abgestimmt wird (z. B. Einstimmigkeit oder einfache Mehrheit)

Des Weiteren sollte das Gremium auch einen Sprecher wählen. Die Gremiensprecher haben das Vertrauen der Angehörigen und Betreuerinnen und Betreuer, und sind auch das Bindeglied zum Pflegedienst und der Vermieterin/ dem Vermieter. Sie sind Ansprechpartner, wenn schnell Entscheidungen getroffen werden müssen und nicht erst alle Angehörigen und Betreuerinnen und Betreuer befragt werden können.

Gerade bei Neugründung einer Wohngemeinschaft ist es empfehlenswert die Mitglieder des Gremiums über einige Zeit moderierend zu begleiten. Voraussetzung ist das dies von allen Mitgliedern des Gremiums gewollt ist. Diese Rolle der Moderation kann der Initiator, eine externen Person als auch eine Institution im Rahmen von bürgerschaftlichem Engagement einnehmen (z. B. Senioren-, Pflege-, Behindertenvereine).

Moderation soll Rahmenbedingungen und notwendige Implementierungsschritte aufzeigen, Unterstützung und Beratung beim Aufbau einer eigenen Struktur geben und sich somit selbst überflüssig machen.

Wenn der Initiator zugleich Pflegeanbieter ist, was im Bereich der ausserklinischen Intensivpflege sehr häufig vorkommt ist es unabdingbar von Anfang an die Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht miteinzubeziehen. Sie kann z. B. zu Gremiumstreffen eingeladen werden. Die FQA ist beratend tätig und kann wertvolle Unterstützung bei Vertragsgestaltungen, Satzungen etc. geben.

Die Begleitung durch die FQA ist auch uns als initiierender Pflegedienst sehr wichtig, da nur mit ausgesprochen großer Transparenz eine Abgrenzung zu „Pseudo- Wohngemeinschaften“ gelingt.

Was soll erreicht werden ?

Qualitätssicherung als Selbstverständnis der Beteiligten und im Sinne PfleWoqG in Anlehnung an Praxisleitfaden für die Qualitätssicherung in ambulant betreuten Wohngemeinschaften, Verbraucherleitfaden (BStMAS)

Wir haben das Glück mit vier sehr engagierten Gremiumssprechern zusammenarbeiten zu dürfen, die mittlerweile untereinander vernetzt sind. Sie besuchen gegenseitig Ihre Wohngemeinschaften und treffen sich zum Erfahrungsaustausch.

Kürzlich wurden wir als Dienstleister von den Gremiumssprechern eingeladen und konnten in einer gemütlichen Runde, Fragen rund um das Pflegestärkungsgesetz ll, den Wohngruppenzuschlag und der Organisation niedrigschwelliger Betreuungsleistungen erörtern.

Intensivpflege Nordbayern

Dieser Text ist in Betamet leben Ausgabe 4/2016 erschienen.

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